Bundesweite Razzia gegen rechtsextremistische "Heimattreue Deutsche Jugend"

Aktivitäten der HDJ in Brandenburg

Mit einer bundesweiten Razzia ist am 9. Oktober 2008 der Druck auf die rechtsextremistische "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) erhöht worden. In mehreren Bundesländern, darunter auch in Brandenburg, kam es zu Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Im 2007er Verfassungsschutzbericht des Landes Brandenburg 2007 heißt es über die „Heimattreue Deutsche Jugend":

Seit etwa einem Jahr ist die „Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) verstärkt in das öffentliche Interesse gerückt. Berichte in Zeitungen und im Fernsehen machten auf das Treiben dieser rechtsextremistischen Jugendorganisation aufmerksam und dokumentierten, wie die HDJ Jugendliche ködert.

Die HDJ stellt sich als Verband junger, lebensfroher Deutscher dar, die gegen den modernen Zeitgeist eingestellt seien. „Wir bekennen uns zu unserem Volk und leben den Gedanken der Volksgemeinschaft schon heute im Kleinen vor." „Kameradschaft leben! Deutschland entdecken! Werte erfahren! Geschichte verstehen! Zukunft gestalten!" - so lauten die Parolen, die zu Zeltlagern, Tages-, Nacht- und Wochenendwanderungen, Sonnenwendfeiern, Heldengedenken, Singen, Volkstanz und regelmäßigen Heimabenden als „Gemeinschaftserlebnisse" einladen.

Der vollständige Name der HDJ lautet: „Heimattreue Deutsche Jugend - Bund zum Schutz für Umwelt, Mitwelt und Heimat e.V.". Die Vorläufer des seit 2001 unter dieser Bezeichnung auftretenden Vereins sind „Die Heimattreue Jugend 1990 - Bund für Umwelt, Mitwelt und Heimat e.V." (DHJ) und der 1958 gegründete „Bund Heimattreuer Jugend" (BHJ). Die rechtsextremistische Ausrichtung hat die HDJ mit ihren Vorgängerorganisationen gemeinsam, ebenso wie die Buchstaben „HJ" als Namensbestandteil - mutmaßlich in bewusster Anlehnung an die Abkürzung der „Hitlerjugend" (HJ).

Inhaltlich und personell lässt sich in der HDJ eine Kontinuität zur 1994 verbotenen „Wiking-Jugend" (WJ) erkennen. Das zeigen die Aktivitäten des letzten WJ-Bundesführers, Rechtsanwalt Wolfram Nahrath, für die HDJ sowie auch des seit 2003 amtierenden HDJ-Bundesführers, Sebastian Räbiger. Er war zum Zeitpunkt des WJ-Verbotes deren „Gaubeauftragter" für Sachsen.

Mit Wolfram Nahrath, Sebastian Räbiger sowie der „Bundesmädelführerin" Holle Böhm wohnen drei führende HDJ-Aktivisten in Brandenburg. Dabei bekleidet Nahrath keine offizielle Funktion innerhalb der HDJ. Aber er ist der führende Kopf, der vor allem aus dem Hintergrund agiert. Von seiner besonderen Funktion zeugt auch die Besprechung des 5. Märkischen Kulturtages in der HDJ-Publikation „Funkenflug": „Durch das Programm führte, wie durch bislang jeden Märkischen Kulturtag RA Wolfram Nahrath". Obwohl sich die HDJ selbst als bundesweit agierende und strukturierte Organisation darstellt, ist sie bislang nur in einzelnen regionalen Schwerpunkten präsent.

Der in Berlin ansässigen HDJ-Bundesführung sind die Leitstellen „Nord" (Hamburg), „Mitte" (Dresden), „West" (Detmold) sowie „Süd" (Alzenau/Bayern) unterstellt. Darüber hinaus existieren noch mehrere „Einheiten" mit regionalen Zusatzbezeichnungen, zu denen die Einheit „Preußen" gehört. Diese umfasst den Raum Berlin/Brandenburg. Der eigentlichen Organisation sind verschiedene so genannte FFK (Freundes- und Familienkreise) angegliedert. Der Zweck dieser FFK liegt sowohl in der materiellen und organisatorischen Unterstützung als auch in der Einbindung ganzer Familien in die Kernorganisation, sie bilden so die Schnittstelle zwischen den Generationen.

In der Februar-Ausgabe 2007 der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme" legte Sebastian Räbiger in einem längeren Interview die Ziele der HDJ dar. Darin ist vom „größten Daseinskampf, den unser Volk je auszufechten hatte" die Rede. Dass hinter dieser Aussage ein rassistisches Weltbild steckt, zeigt sich daran, dass Räbiger einige Sätze später von „dem artfremden Tingeltangel der Umerzieher" spricht. Demokratie sei durch „Umerziehung" „Artfremder" nach Deutschland gekommen.

Bereits im 7. Jahrgang erscheint (meist vierteljährlich) die Zeitschrift der HDJ „Funkenflug - jung stürmisch volkstreu". Verantwortlicher Herausgeber ist Sebastian Räbiger. Längere Berichte und kurze Notizen beschreiben HDJ-Aktivitäten. Darüber hinaus belegt der „Funkenflug" inhaltlich die revisionistischen und rassistischen Thesen der HDJ. In der ersten Ausgabe 2006 drückte die Zeitung ihre Sympathie mit der verbotenen rechtsextremistischen „Wiking-Jugend" und ihrem Vereinssymbol, der Odalrune, aus: „Wir dürfen die Odalrune zwar nicht in unserer Fahne tragen, doch sie ist dort, wo sie immer war und immer sein wird: in unserem Herzen. Niemand kann sie uns dort nehmen oder verbieten." Wie alle Rechtsextremisten vertritt auch die HDJ ein in erster Linie rassistisches Weltbild. So heißt es im „Funkenflug" 2/2006: „Nur richtig Weißes macht glücklich".

Der geschichtsrevisionistische Aspekt der HDJ-Ideologie zeigt sich in folgendem Zitat der „Funkenflug"-Ausgabe 2/2005: „Der 30. Januar 1933 wird Ausgangspunkt einer der größten Wendungen, die die Geschichte des deutschen Volkes kennt. Nach Zurückgewinnung des Saarlandes, Österreichs, Sudetendeutschlands und der Inschutzstellung Böhmen und Mährens repräsentieren über 630.000 Quadratkilometer Fläche und 85,7 Millionen Einwohner das neu entstandene Großdeutschland. ... Auch wenn Vertriebenenverbände aufgehört haben, daran zu glauben, deutsche Gebiete wieder zurückzuerhalten, ... halten wir doch fest an deutscher Heimat, an deutschem Boden fest. Egal, wie klein der Verzicht auch sein mag, er bleibt Verrat!"

In den Ausgaben des „Funkenflugs" ist zum Beziehen von Kleidungsstücken und weiterer Ausrüstung der HDJ sowie von CDs, Büchern und Kalendern jeweils eine Liste der „Abteilung Beschaffung" abgedruckt. Mit der gleichförmigen Bekleidung ist eine Uniformierung der Mitglieder gegeben. Sie besteht bei den Männern aus weißem Hemd und schwarzer Zunfthose, bei den Frauen aus dunkelblauen Jacken und Röcken. Das Führungspersonal ist durch farbige Balken am Oberarm der Hemden gekennzeichnet.

Mit dieser Uniformierung, die sich auch in den Artikeln und Abbildungen des „Funkenflug" wiederfindet, verstößt die HDJ gegen das generelle Uniformverbot nach dem Versammlungsgesetz. Im Juni 2007 hatte Räbiger beim Bundesminister des Innern für die HDJ eine Ausnahmegenehmigung von diesem Verbot beantragt. Im September 2007 lehnte das Ministerium diesen Antrag ab. Laut Gesetz kann eine Erlaubnis, eine Uniform zu tragen erteilt werden, wenn sich der betreffende Jugendverband vorwiegend der Jugendpflege widmet. Das gilt beispielsweise für Jugendfeuerwehren, Pfadfinder und vergleichbare Einrichtungen. Das Ministerium sah die Aktivitäten der HDJ im Gegensatz dazu „als Förderung einer gemeinsamen politischen Gesinnung".

Ein Vorfall im Land Brandenburg zeigt die Bedeutung des Uniformverbots für das öffentliche Leben: Der Polizei fiel am 9. Juni 2007 in Oranienburg eine Gruppe von neun uniformierten jungen Männern auf. Zuerst gaben sie sich als „Pfadfinder" aus, im weiteren Verlauf der Kontrolle gaben sie an, zur HDJ zu gehören. Zu diesem Vorfall wird ein Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Neuruppin geführt, das im September 2007 zu Hausdurchsuchungen bei den festgestellten Personen führte.

Enge Kontakte bestehen zwischen der HDJ und der NPD. Einige Mandatsträger der HDJ sind zugleich Mitglieder der NPD oder beteiligen sich zumindest an deren Aktivitäten. Von 2001 bis 2006 fanden jährlich am südlichen Rande von Berlin die „Märkischen Kulturtage" statt. Neben der HDJ traten als Veranstalter die „Gemeinschaft Deutscher Frauen" (GDF) und die „Berliner Kulturgemeinschaft Preußen e. V." (BKP) auf. Bereits das Programm des „1. Märkischen Kulturtags" im Spreewald umfasste Inhalte wie Chordarbietungen, Vorträge über „Preußentum und preußische Könige", Laienspiel und den Auftritt einer Fahnenschwinggruppe, ein Referat über deutsches Brauchtum, den Vortrag selbst geschriebener Texte, das Singen und Tanzen in großer Runde. Am „6. Märkischen Kulturtag" am 4. November 2006 in Blankenfelde nahmen rund 200 Personen teil.

Im Zusammenhang mit dem „6. Märkischen Kulturtag" wurde die Journalistin Andrea Röpke von drei Personen verfolgt und geschlagen. Zu den Tatverdächtigen gehören der HDJ-Bundesführer Räbiger und ein Mitglied der NPD. Zurzeit findet der Prozess vor dem Amtsgericht Potsdam statt. Andrea Röpke ist bei der HDJ bekannt. Die Ausgabe 03/2006 vom „Funkenflug" enthält einen Artikel über sie und ihre Recherchen zur HDJ (sie berichtete über das Sommerlager der HDJ).

Neben den „Märkischen Kulturtagen" veranstaltet die HDJ in Brandenburg weitere Veranstaltungen für einen größeren Personenkreis. Dazu gehören in nationalsozialistischer Tradition Sonnenwend-Feiern.

Eine gewisse Publizität erreichte das Pfingstlager der HDJ vom 25. bis 28. Mai 2007. Auf dem Privatgelände eines NPD-Mitglieds im niedersächsischen Eschede (Landkreis Celle) fanden das Lager vom Familienverband der HDJ und das Jugendlager mit weit über 100 Teilnehmern statt. Eine polizeiliche Auflage hatte vorher das Tragen uniformähnlicher Kleidung verboten. Diese Lager sind ein wichtiger Weg für die HDJ, bereits Kinder für ihre Ziele zu gewinnen. Das nach außen getragene Pfadfinder-Image dient lediglich zur Tarnung eines politischen Missbrauchs junger Menschen.